Service-Inspirationen Probekapitel: Der digitale Kabelbrand

Diagnose 1990: Rauch steigt aus der Motorhaube eines Citroen DS, seinerzeit schon fast ein Oldtimer, Stolz des frisch gebackenen Diplomingenieurs im ersten Job.. Der Rauch deutet auf ein Schmoren hin, das unweigerlich von irgendwelchen Gummiteilen zu stammen scheint. So riecht es zumindest. Also: beherzter Griff an den Batteriepol: mal kräftig reißen, dann wird der Stromkreis schon zu unterbrechen sein. Nach 15 Sekunden ist der Spuk vorbei. Die Bricolage, wie der Franzose sagt, ist schnell behoben: alte Kabel abgeknipst, mit dem Schraubenzieher ein Loch durch die Stirnwand gedrückt und ein paar ehemalige Lautsprecherkabel verlegt: das Zündschloss wird kurzerhand neu verdrahtet; ein ausgedienter Klingelknopf dient nun als Insider-Starter und Wegfahrsperre zugleich...

Diagnose 2010: leuchtet da rot und frech mitten zwischen Tacho und Drehzahlmesser ein „Check Engine“-Symbol! Auch das noch, dachte sich der inzwischen erfahrene Ingenieur und Computerfreak, der doch damals E-Technik mit 2,3 bestanden hatte. Ein Blick unter die Motorhaube: sieht aus wie im Tupperware-Sortiment, alles sauber mit tollen Kunststoffen abgedeckt – kein Störfeuer zu erkennen. Ach ja, hier 4 so Rohre, scheint der Auspuffkrümmer zu sein, das war’s dann.

Nun gut, unser Computerfreak schaut ins Bordbuch , ist bestimmt nichts Schlimmes. Seite 449 Kapitel 13 der Hinweis: siehe unter Dieselmotorisierung. Im Diesel-Kapitel dann schließlich: „... wird dringend empfohlen, eine Werkstatt aufzusuchen“. Tags darauf in der Werkstatt am Schalter: „au-wei-a, das kann teuer werden, wahrscheinlich die Lambda-Sonde“. „werter Herr Serviceannehmer, ich habe doch einen Diesel“. Au-wei-a, der Kunde ist nicht doof und überdies ganz schön „von oben herab“. Also schnell an den Kollegen verweisen... Da kommt schon der Experte mit dem blauesten aller Blaumänner und meint jovial: „meistens wirklich nichts Schlimmes, aber manchmal halt doch. Gut, dass Sie hier bei uns im Fachbetrieb sind!“

Die Ingenieurs-Neugier leuchtet auf: wie kommt es denn zu solchen fatalen Aussagen-Abweichungen? Ergebnis: die Produktentwicklung hat die Serviceentwicklung überrannt. Der Wert eines modernen Autos besteht schon zu über 40 % aus Elektronik. Kosten diese paar Chips denn so viel, (ein Handy gibt’s doch auch für 0,- €)?

  • Die Hardware ist das eine, die Bedatung, also die Programmierung aller speicherbaren Funktionen, das andere. In Autos der neuesten Generation mit richtig viel Luxus sind mitunter über 70 (!) Steuergeräte verbaut. Da muss man dem Regensensor an der Frontscheibe auch beibringen, dass er im Rückwärtsgang ja weniger Tropfen abbekommt, aber trotzdem ein Scheibenwischen veranlassen sollte, zusätzlich auch noch hinten. Solche Bedatungsprojekte fressen gewaltige Kapazitäten, da müssen in der Fahrzeugentwicklung schon einige Mannmonate lang alle Eventualitäten durchprogrammiert werden.

  • Die Wechselwirkungen der verschiedensten Steuergeräte machen den Entwicklern immer noch zu schaffen. Verschiedenste Generationen; Verbindungen; Bussysteme, Packalgorithmen, Speicherroutinen, Betriebssysteme u.v.a. machen das „Exception Handling“ schon irgendwann zum Alltag.

  • Zeit- und Kostendruck zum Launchtermin der neuen Modelle, da und dort ein Zuliefer-Firmenverkauf, der einen Komponentenwechsel erzwingt, aber die Neukomponenten- Integration doch etwas vernachlässigt. „Poor Quality due to poor electronical Engineering“ heisst es dann in der Fachpresse. Die Laienpresse schnappt`s gerne auf. Peinlich. Schädlich.

  • Der im After Sales jahrelang einzige scheinbare „probate“ Ausweg war der des i.O.- Austausches. „Der Garantiegeber wird’s schon richten, dann wechseln wir halt mal alle Steuergeräte, an die wir drankommen...“

Die Automobilindustrie schlief aber nicht weiter, sondern wurde hell wach. Modernste Diagnosesysteme können binnen weniger Minuten bei der gezielten Fehlerfindung helfen:

  1. Wireless LAN-Diagnosegeräte mit Vollintegration zu Expertensystemen, Online-Reparaturleitfäden, elektronischem Teilekatalog und Richtzeitentabellen

  2. Menügestützte Fehlersuche mit Symptombäumen

  3. Automatischer Abgleich via Fahrgestellnummer-Auslesung und werksseitigem Serverabgleich sämtlicher Release-Stände

  4. Flashen und Codieren mit aktuellsten Softwareständen, remote und weltweit

  5. Kurztestprotokolle als wertsteigernde Belege für Hersteller, Handel und Besitzer: nur das Beste für mein Auto!

Das „Check Engine“-Lämpchen erlischt, der Fehlercode wird zurückgesetzt, der Fall für kommende Fahrzeuggenerationen ins Headquarter gemeldet und systematisch ausgemerzt. Sieben Sigma naht. Diagnose 2020: Motorhauben gibt es nicht mehr, an die Hybrid-Blocks dürfen nur noch Certified Service Engineers. Improvisationsreparaturen sind verboten. Der digitale „Annahmemeister“ beherrscht 20 Sprachen und begrüßt uns per Webcam. Er weiß dank Plausicheck aus Fahrgestellnummer, KBA-Abfrage und CRM-Systemverschmelzung auch, welche Sprache er einsetzen soll. Service-Diagnose ohne Menschen. Schöne neue Welt?

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